SEBASTIAN PLESS

Patricia Meyer, Begleittext zur Ausstellung „Ruhe-Stillstand-Aufstand“ in der A I B I Contemporary Armin Berger Gallery Zürich (10.5.12-10.6.12):

 

Wir freuen uns, Ihnen in einer Doppelausstellung die beiden zeitgenössischen Künstler Wojtek Klimek (*1978, lebt und arbeitet in Zürich) und Sebastian Pless (*1985, lebt und arbeitet in Leipzig) präsentieren zu können. Die im Titel der Ausstellung verwendeten Schlagwörter Ruhe, Stillstand und Aufstand versuchen eine Gegenüberstellung der beiden Künstler in aller Drastik. Während im Werk des einen Künstlers eine dem Bild inhärente Ruhe vorherrscht, welche gar in Stillstand umzukippen droht, nähert sich ein am Aufstand orientiertes, archaisches Werk von einer ganz anderen Seite selbigem Zustand. So oszillieren die zwei unterschiedlichen Werkgruppen nicht nur zwischen den gegensätzlichen Polen der Ruhe und des Aufstands, sondern erfahren in einem Moment des Stillstands eine Annäherung.

 

Die Zürcher Ausstellung zeigt Pless‘ Ahnenserie aus dem Jahr 2012, das Objekt „Verlassenes“ aus dem Jahr 2011 sowie die grossangelegte, raumfüllende Inszenierung „Aufstand und Abgrund“ von 2010. Ergänzt werden die Objekte dabei durch eine Reihe kleinerer Arbeiten.

 

Pless arbeitet vorwiegend mit Holz, hierbei handelt es sich um einen lebendigen Werkstoff, der sich primär aus reinem Selbstzweck heraus entwickelt. Der Baum wächst für sich, ohne mit seinem Gedeihen einen speziellen Nutzen in irgendeiner Beziehung darstellen zu wollen. Auf diese hedonistische Entwicklung folgt häufig eine Nutzbarmachung des Materials, sei dies als Balken oder etwaiger Bauträger. Damit erfüllt es kurz- oder langfristig einen funktionalen Zweck, um in der Folge durch den Bildhauer Pless in einen neuen Wesensbereich gebracht zu werden. Pless bedient sich häufig irgendwelcher Relikte. Dabei kommt der Betrachter nicht umhin, beim einen oder anderen Objekt Elemente von Schränken oder Treppen zu identifizieren. Die metamorphose Anlage des Werkstoffs Holz fasziniert den Künstler, gleichzeitig erlaubt er ihm ein weniger konzeptuell festgelegtes, als vielmehr ein intuitives Arbeiten, in dessen Prozess die Endform erst definiert wird. So findet Pless im Holz das ideale Medium, um seine existenziellen Fragen zu Liebe und Tod, Ewigkeit und Vergänglichkeit sowie Bleiben und Vergehen, welche treibende Kräfte in seinem Werk bedeuten, zu transportieren. Diese Auseinandersetzung mit dem Mensch-Sein im archaischen Material Holz erfolgt auf äusserst poetische Weise, jedoch immer gespickt mit einem Quäntchen Ironie.

 

Das Objekt „Verlassenes“ erscheint schwierig erfassbar, gar ambivalent. Dies macht jedoch die Wirkung von Pless‘ Objekten aus, erst wiederholtes Betrachten fördert versteckte Details zutage, um dennoch ein vollumfänglichen Erfassen des Objekts offen zu lassen. Während das hölzerne Behältnis eher nachlässig zusammengezimmert wirkt, scheint der in ihm geborgene, überdimensionale Totenschädel wie auch die dem „Schrein“ untersetzten Füsse eindeutig sorgfältiger gearbeitet. Während der Schädel für Alter und Verfall steht, ist das Möbel gekennzeichnet von selbigen Spuren. Unklar ist, ob es den Schädel zur Schau stellen oder viel eher verbergen möchte. Ein Memento Mori der besonderen Art, denn das obere Brett ziert die römische Ziffer MMXI, also 2011, welche in der Manier einer Gedenkzahl das Entstehungsjahr des Kunstwerks wiedergibt. „Der klaffende Behälter kann an eine improvisierte Grabstätte oder einen Gegenstand der Verehrung, seine Öffnung an Backofen- oder Krematoriumsklappen gemahnen.“ („Hamlet Syndrom: Schädelstätten“ S. 29, Harald Kimpel (Hg.)) So findet der Betrachter ein Konglomerat ihm bekannter Indizien vor, welche er in ihrer Totalität jedoch nicht zu deuten vermag.

 

Die hier gezeigte Ahnenserie umfasst die Objekte „Ahn I“ bis „Ahn V“. Die fünf Ahnen ruhen alle auf einer Art Sockel, wobei jeder ein Einzelstück ist und komplett anders gearbeitet als der andere. Die Sockel lassen Rückschlüsse auf eine mögliche frühere Verwendung des Holzes zu und laden bereits dadurch ein, sich mit Vergangenem auseinanderzusetzen. In ihrer Vertikalität und der Art und Weise, wie sie gefertigt sind, bieten sie „Verlassenes“ ein sinnbringendes Gegenüber. Auf den zweiten Blick wird die nächste Gemeinsamkeit evident, nicht nur werden auf den Sockeln die Büsten der Ahnen präsentiert, sondern dienen diese auch als eine Art Behältnis, indem sie weiteren Ausdruck dargestellten Lebens bergen. So wird der Betrachter bei genauerem Hinsehen Köpfen, Körperfragmenten und kleiner Figuren gewahr, die, vom Sockel geborgen, darauf warten, entdeckt zu werden. Fragen nach dem Verhältnis der Figuren kommen auf, bildet die zweite Figur den Nachkommen des Ahnen ab, oder ist es gerade umgekehrt und die Büsten zeigen die Nachkommenschaft, während die Überreste der Ahnen im Schrein ruhen, was wiederum eine Parallele zum Memento Mori Charakter von „Verlassenes“ bilden würde.

 

Die raumfüllende Inszenierung „Aufstand und Abgrund“ von 2010 besteht aus einem blockartigen Objekt aus verschiedenen Hölzern und Paletten, das der Künstler in seiner Publikation „Aufstand und Abgrund“ mit dem Titel Aufstand versieht. Dazu gesellen sich eine fünfteilige Figurengruppe aus Pappelholz, welche er unter dem Begriff Suchen zusammenfasst und eine Büste aus Eichenholz, die er Das Geheimnis nennt. Den Paletten, welche einer Barrikade ähneln, entwachsen Pless‘ rebellierende Aufständige, ihre Gesichter sind ausdrucksvoll, ihre Gesten eindeutig, wilde Entschlossenheit zeichnet die Figuren. Als kleines Detail ist auch hier ein Totenschädel angebracht, welcher als das gewisse Risiko, welches bei Rebellionen und Aufständen mitschwingt, oder aber als Memento Mori gelesen werden kann. Die Gesichter der Figurengruppe wie auch dasjenige der Büste wirken abwesender, entfernter. Dabei ist ihr Verhältnis zum rebellierenden Block unklar. Der sie zusammenfassende Titel Suchen jedoch scheint sie in dem Masse zu identifizieren, als dass es sich nicht um die machthabende Gruppe handeln kann, gegen welche die Rebellion gerichtet ist, sondern vielmehr die Zukunft der Rebellierenden widerspiegelt. Auch die Dechiffrierung und Interpretation des Geheimnis‘ verläuft, wie sehr oft bei Pless, im Leeren, so bleibt offen, ob es sich hierbei um ein spezifisches Geheimnis handelt oder ob dieses nicht vielmehr ein Platzhalter ist für den jeweiligen ‘Motor‘, der allen Aufständen gemein ist. Pless äussert sich zum „Aufstand und Abgrund“ wie folgt: „Theoretisch entwickelt sich also eine Form von Moral, die nicht auf rationaler Vernunft, sondern auf einer intuitiven Selbstverständlichkeit beruht. Doch an diesem Punkt zeigt sich das Problem des Aufstandes. Er bleibt ein zeitlich begrenzter Zustand, der zu Ende geht. Was danach kommt, weiss man nicht. Das ist aber auch das interessante an dem Thema, es bleibt immer offen. Es bleibt die ewige Suche nach der grossen Freiheit.“ („Aufstand und Abgrund“, Sebastian Pless)

 

Sebastian Pless wurde in Fulda geboren. Von 2005 bis 2010 absolvierte er sein Studium der Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Bis heute verfolgt er an selbiger Institution ein Aufbaustudium bei Prof. Bruno Raetsch. Sein Werk wird seit 2008 in unterschiedlichen Ausstellungszusammenhängen vorwiegend in Deutschland gezeigt. Die Doppelausstellung mit Klimek bildet Pless‘ erste Show in der Schweiz.

 

 

 

 

Bettina Beyer, anlässlich der Vernissage in der Galerie Irrgang Leipzig am 16.03.2012:

 

Sebastian Pless wurde in Fulda geboren und studierte bis 2010 an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Bildhauerei auf Diplom. Seit 2010 absolviert er ein Aufbaustudium bei Professor Bruno Raetsch. Im Falle der Skulpturen, die in der Galerie Irrgang ausgestellt sind, hat Pless mit Holz gearbeitet. Dieses Material ermöglicht ein weniger konzeptuell festgelegtes, dafür intuitives Arbeiten, als es z.B. Metall verlangen würde. Seine Arbeit beschreibt Pless als eine Folge von Bleiben und Verschwinden, als Prozess, bei dem am Anfang nicht klar ist, was am Ende entstanden sein wird. Die Form wird erst in Auseinandersetzung mit dem Material bestimmt. Mit diesem Material hat es eine eigene Bewandtnis: Denn die dunkleren Balkenteile, die in den Ahnenskulpturen im Sockel verarbeitet sind, stammen aus einem Fachwerkhaus der Franckeschen Stiftungen Halle. Aber auch ohne dieses Wissen sind die einzelnen Bestandteile als Relikte zu identifizieren, als etwas Übriggebliebenes. An manchen Stellen klingen die Formen von Schränken und Treppenelementen an, vergessenes Strandgut, das der Zeit unterliegt. Wir haben es bei diesen Skulpturen mit Objekten zu tun, einer Ausdrucksform, die im 20. Jahrhundert aufkommt. Gegenstände werden aus ihren Kontexten gelöst und frei zu etwas Neuem zusammengefügt. „Das Objekt sucht die Wirklichkeit nicht abzubilden, sondern zu benutzen und durch Verfremdung bewusst zu machen. Das Ergebnis ist gegenständlich und zugleich gegenstandslos.“ Diese Bestimmung aus dem Lexikon der Kunst trifft auf Pless zu. Das ist kein Zufall, denn es gefällt ihm, wenn eine Skulptur nicht auf Anhieb zu deuten ist. Wenn sich auf den dritten Blick noch etwas öffnet. Hier zeigt sich sein Interesse an der conditio humana, der Situation des Menschen in seiner Welt. „Das ist doch im Grunde das größte Problem des Menschen, sagt Pless, „dass er sich alles erklären kann, nur seine eigene Existenz nicht.“ Bei den Skulpturen kann man sich nie sicher sein, sie schon ganz erfasst zu haben. Sie geben immer noch etwas frei. So erkennen Betrachter für gewöhnlich erst spät, dass im Sockel von „Ahn II“ links unten noch ein kleines Fach ist, in der sich wiederum eine Skulptur befindet. Das Holz als Ausdrucksmittel verschafft allen von Pless geschaffenen Kreaturen eine organische Textur. Die Farben Rot, Weiß und Schwarz markieren die Ingredienzen der Körperlichkeit und des Lebens. Weiß der Tag, schwarz die Nacht und Rot das Blut. Diese Farbsymbolik schließt Leben und Tod, aber auch das Feuer ein, wenn man sich vor Augen führt, dass Pless das Schwarz erzeugt, indem er das Holz abbrennt. Das Feuer verweist auf die ersten Dinge der Existenz, ist Bedingung des Überlebens. In Korrespondenz mit den Bildunterschriften eröffnen die Skulpturen von Sebastian Pless eine Sinnsuche, in der die conditio humana umkreist wird. Dem Holz, das Haut wird, sind dabei Körperlichkeit und Zeitlichkeit alles Lebendigen eingeschrieben.

 

 

 

 

 

Sebastian Pless zu „Aufstand und Abgrund“:

 

Im Gegensatz zur Revolution ist der Aufstand eine spontane Handlung, die sich gegen einen bestimmten Zustand richtet, jedoch keinen Plan bereithält, inwieweit nach der erfolgreichen Bekämpfung des nicht hinnehmbaren Zustands verfahren werden soll.

Nach Hannah Arendt ist „das Ziel einer Rebellion nur die Befreiung [...], während das Ziel der Revolution die Gründung der Freiheit ist“.

Somit geht man bei einem Aufstand von einer spontanen und intuitiven Handlungsweise aus, die nicht dazu dient sich durch einen gezielten Systemwechsel einen persönlich besseren Stand zu errichten. Der Entschluss zum Aufstand findet nach einem ganz persönlichen Maß statt, inwieweit etwas als ertragbar bzw. als unertragbar empfunden wird. Auslöser für einen Aufstand kann der sprichwörtliche Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Dieses Überlaufen ist letztlich ein Bewusstwerden der eigenen Existenz und deren Wert. Plötzlich scheint eine Fassade zu fallen, dem Unterdrückten wird die Ungerechtigkeit seiner Situation bewusst und er fordert seine Rechte ein. Seine gegenwärtige Position kann so hoffnungslos erscheinen, dass die einzige Lösung ein Aufbegehren nach dem Alles-oder-Nichts Prinzip ist.

 

Es scheint ein Kampf gegen den Abgrund zu sein, gegen Grausamkeit und Willkür. Dennoch zeigt sich der Kampf gegen den Abgrund auch häufig genug als Abgrund selbst.

Ein berühmtes Beispiel ist die Terrorherrschaft, die aus der Französischen Revolution hervorgegangen ist. Nach dem Sturm auf die Bastille, der Befreiung politischer Gefangener, der Plünderung von Kornkammern durch hungrige Menschenmassen und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte unter dem Credo „liberté, égalité, fraternité“ („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“), bewahrheitete sich dieses Motto später auch dadurch, dass bald für jeden die gleiche Gefahr bestand durch die Guillotine den Kopf für die Revolution und die Sache des Volkes opfern zu müssen.

 

Auch das 20. Jahrhundert hält Beispiele bereit, die von der Suche nach Freiheit, Aufstand und Abgrund handeln.

Besonders die Lektüre von Georg Glasers „Geheimnis und Gewalt“ machte mir dies deutlich. Hier wird das Leben eines Mannes beschrieben, der 1910 geboren, sich in den Wirren der Weimarer Republik bewegt, einer Zeit, die in ihrer Rauheit durch den Ersten Weltkrieg geprägt ist und in der verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Weltanschauungen und ideologischen Hintergründen nach einem neuen Weg, einer neuen Gesellschaft oder auch dem neuen Menschen suchen. Der Erzähler wächst über Erziehungsheime und kommunistische Jugendverbände in die Arbeiterbewegung hinein. Die vom fernen Moskau gelenkte, schwerfällige Struktur der Partei, die von strenger Doktrin geprägt ist und vom Individuum bedingungslose Unterordnung und Opferung für die Ideologie fordert, lässt ihn jedoch bald zweifeln. Als er merkt, dass er nicht für ein höheres Ideal kämpft, sondern nur ein Handlanger für Parteiinteressen ist, schwindet die moralische Rechtfertigung für sein Handeln und treibt ihn schließlich in eine tiefe Sinnkrise.

 

Für viele Ideale wurde gekämpft und gleichzeitig wurden diese Ideale oft verraten. Und man fragt sich zwangsläufig: Ist der Mensch überhaupt in der Lage seine eigenen Werte zu schaffen? Und die benötigt man schließlich um das eine abzulehnen und das andere zu fordern.

 

Genau diese Frage hat sich schon Albert Camus gestellt. Laut Camus formiert sich ein Aufstand in der Regel erst dann, wenn mehrere Individuen bemerken, dass scheinbar kein persönliches, sondern ein kollektives Leid vorliegt. Es entwickelt sich eine Solidarität, in der eine Aufopferung für die eigenen Forderungen nach Grundrechten und Gerechtigkeit auch eine Aufopferung für die selben Forderungen aller anderen Individuen dieser Gemeinschaft bedeutet.

Dies wird von Camus in „L´homme revolté“ mit „Ich empöre mich, also sind wir“ dem kartesischen „Ich denke, also bin ich“ als Grundevidenz gegenüber gestellt.

Theoretisch entwickelt sich also eine Form von Moral, die nicht auf rationaler Vernunft, sondern auf einer intuitiven Selbstverständlichkeit beruht.

 

Doch an diesem Punkt zeigt sich das Problem des Aufstandes. Er bleibt ein zeitlich begrenzter Zustand, der zu Ende geht. Was danach kommt weiß man nicht.

 

Das ist aber auch das interessante an dem Thema, es bleibt immer offen. Es bleibt die ewige Suche nach der großen Freiheit.

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